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Den 11. Juli muss man erstmal googeln

Der Terrorangriff auf das WTC in New York jährt sich zum 20. Mal. Die Schockwellen sind für Muslime bis heute spürbar – in Genoziden, Parlamenten und WG-Küchen.

Von Melina Borčak

Nicht New York, sondern Sarajevo

 

Wo warst du, als du zum ersten Mal von den Anschlägen vom 11. September hörtest? Ich war fast 11 Jahre alt und besuchte, wie jeden Tag nach der Schule, meine Freundin Lejla. Wir hörten ihre Mutter im Flur des Plattenbaus mit einem Nachbarn reden: in New York sind viele Menschen gestorben.

Ich ging nach Hause, um die Nachrichten zu sehen. Vorbei an den ganz normalen Minenfeldern, blutroten Bombenkratern, an Ruinen, in denen meine Nachbarn vergewaltigt, gefoltert und ermordet wurden, nur weil sie bosnische Muslime waren. Ich dachte damals, wir hätten bereits das Maximum an Hass und Gewalt überlebt, es könne ab jetzt immer nur besser werden. Naives Kind.

In den darauffolgenden Jahren erlebten wir weitere Erniedrigungen, Gewalt, und Rassismus. Jahren? Schon 40 Tage nach dem Anschlag wurde einer meiner Nachbarn gefangen, gefesselt, dann nach Guantanamo verschleppt. Unschuldig, niemals auch nur angeklagt, doch sieben Jahre lang gefoltert. Einer von Hunderten. Und Dutzende sind auch heute, 20 Jahre später, in Guantanamo gefangen, vergessen von der Welt.

Nach Genozid in meiner Geburtsstadt und Neonazis im fremden Deutschland zeigte mir dies: Sogar in Sarajevo, fast ausschließlich unter Muslimen, sind wir nicht sicher. Weil eine Handvoll saudischer Extremisten Menschen am anderen Ende der Welt angriff – und jetzt mehr als eine Milliarde Muslime unter Generalverdacht stehen. Ein seelenzermürbendes Gefühl.

Neue Ausreden

Sieben Tage nach dem Anschlag in New York entdeckte auch die Kommunistische Partei Chinas einen neuen Vorwand für die jahrzehntelange Unterdrückung von Uiguren. Terrorismus wurde zur Dauerausrede für weltweite Angriffe gegen Muslime – vom rassistischen Spruch über rechte Parteien bis hin zu Genozid. Uiguren, Rohingya, Flüchtlinge – Gewalt gegen sie wäre ok, denn es gäbe ja so viele Terroristen unter ihnen. Dronenmorde von Kindern in Jemen, Pakistan, Afghanistan – ganz normaler Kampf gegen Terroristen. Sogar retroaktiv nutzten Faschos diese Taktik: der Genozid an Bosniaken wäre passiert, weil Serben tapfer gegen Terror kämpften. Dass es keine einzige bosniakische Terrorgruppe gab oder gibt, keinen Anschlag, und bis 2001 auch niemand vom imaginären bosniakischen Terror redete – egal.

Auch egal ist, dass die größten Terroristen unseres Kontinentes keine Muslime sind, sondern die europäischen Christen Radovan Karadžić und Ratko Mladić, verurteilt unter anderem wegen Terror gegen die Menschen Sarajevos, der in mehr als 11.500 Toten resultierte.

Kein Terrorist und keine Terrorgruppe in Europa kommt diesem Ausmaß auch nur nahe. Hinzu kommen die Menschen im Rest Bosniens – über 100.000 Tote. Doch nichts davon gehört zum europäischen Allgemeinwissen. Und wenn ausgerechnet Karadžić seit New York behauptet, er hätte Europa vor “Terroristen” geschützt, also wohl vor neugeborenen “terroristischen” Babys, die lebend verbrannt oder mit Kopfschüssen exekutiert wurden, dann findet er Zustimmung bei deutschen und österreichischen Genozidleugnern, Rechtsradikalen und auch vielen Linken. Rassismus verbindet.

2001 schenkte ihnen eine willkommene Taktik für Täter-Opfer-Umkehr, die alle Muslime, auch verfolgte, als gefährlich darstellt und gleichzeitig zu wehrlosen Zielscheiben macht. Unwürdig jeglichen Schutzes und Mitgefühls, weil es in den USA einen Anschlag gab der die Welt berührte – im Gegensatz zu unzähligen Anschlägen, Kriegen und Völkermorden an Muslimen.

Wo warst du, als du von den Anschlägen vom 11. September hörtest?

Ich war überall: Im Jobinterview, am Flughafen, auf WG-Partys und im Wartezimmer. Es war konstant, unerbittlich. Wie die meisten Muslime wurde ich über Nacht gezwungen, zu einer PR-Sprecherin für mehr als 1,6 Milliarden Menschen zu werden, irreleitende Statistiken, “die Scharia” und komplexe theologische Konzepte zu erklären.

Ich wurde vorwurfsvoll angestarrt, mit rassistischen Fragen gelöchert und aufgefordert mich von saudischen Terrorgruppen, türkischen Politikern, iranischen Traditionen, afghanischen Gesetzen und obskuren YouTube-Videos aus Pakistan zu distanzieren. Weil es ja normal und zu erwarten ist, dass eine türkishaarige, vegane Punkerin aus Bosnien Al Qaida-Unterstützerin sein könnte, nur weil sie muslimisch ist.

Aber merkt ihr, was gerade passiert? Ich nutze meine Haarfarbe und meinen Musikgeschmack, um zu zeigen, wie absurd solche Anschuldigungen sind. Doch bei Musliminnen mit Kopftuch oder Niqab sind sie ja genauso absurd. Bei zu vielen Leuten kommt das nicht an.

Trotz mehr als 100.000 Toten und all dem Grauen, das uns serbische Christen im Namen ihrer Religion und mit Segen ihrer Kirche angetan hatten, kam ich nie im Leben auf die Idee, Christen zu hassen. Oder Milliarden Christen überhaupt mit den Tätern in Verbindung zu setzen. Doch uns Muslimen wurde dieses Privileg nicht gegeben. Stellt euch vor man würde deutsche Christen, egal wie ungläubig, verantwortlich machen für Konys Kindersoldaten in Uganda. Für Milosevics Völkermorde. Für Kindervergewaltigungen in Kirchen, homofeindliche Morde in Russland, brutale Abtreibungsverbote in den USA, oder dafür, dass in den Philippinen Scheidungen illegal sind. Das klingt absurd, aber wird Muslimen täglich angetan. Wenn irgendwer in einem abgelegenen Dorf in Tunesien ein brutales Verbrechen begeht, wird es auf alle Muslime pauschalisiert, als wäre das Verbrechen islamische Tradition und als wären wir nicht genauso geschockt davon, wie deutsche von Kindervergewaltigungen. Und wenn saudische Sektenärsche New Yorker ermorden, müssen Millionen Irakis sterben.

Wo warst du, als du von den Anschlägen vom 11. September hörtest?

Allein schon die Tatsache, dass fast alle Europäer diese Frage beantworten können, aber nichtmal wissen, wie viele Menschen in den 90ern fünf Stunden Autofahrt von Wien oder Mailand ermordet wurden, sagt sehr viel.

Der 11. September ist tief eingraviert ins kollektive Bewusstsein Europas. Doch über 100.000 tote Menschen in Bosnien und zehntausende in Kosovo vergessen. Über 360.000 ethnische Türken, die 1989 aus ihrer Heimat Bulgarien vertrieben wurden auch. Die Millionen Irakis, Jemenis und Pakistanis, die wegen Bushs selbsternannten “Kreuzzügen” starben ebenfalls. Genauso die Afghanen, bei deren Morden auch Deutschland mitmachte, bevor es zeigte, dass Bierdosen wertvoller sind als afghanische Leben. Und die Millionen Uiguren, die heute unter Zwangsarbeit, Zwangssterilisierung und Folter leiden, sind nichtmal vergessen, sondern wurden schon immer ignoriert.

Es ist schon ein Mindfuck, dass 2977 US-amerikanische Opfer den verdienten Respekt bekommen, aber Millionen tote Muslime nur Kollateralschaden sind.

Der 11. September hat die Welt verändert, den 11. Juli muss man erstmal googeln.

Antimuslimischer Rassismus existiert seit Jahrhunderten. Der Anschlag in New York hat Rassisten aber neuen Treibstoff und sehr breite Akzeptanz gegeben. Extreme Aussagen, Gesetze und Taten, die man bei anderen Gruppen sofort als rassistisch verurteilen würde, sind ok, wenn es um Muslime geht. Schließlich wäre ja “etwas dran” an den Verschwörungsmythen und Terrorvorwürfen. Wer sich zu selbstbewusst wehrt, wird als Radikal oder sogar “Anhänger des politischen Islam” diffammiert.

Denn Muslime sind gleich, gefährlich, rückständig, alle Teil “des Problems”, wobei das Problem für viele unsere bloße Existenz ist. Wenigstens geben es seit 2001 mehr Leute zu.

 

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